Von Gandalf Lipinski

Anfang der siebziger Jahre wurde ich Student an der Abteilung Schauspiel der staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Dort hatte gerade im direkten Anschluß an die 68er Jahre eine Art Revolution stattgefunden. Neue Dozenten waren berufen worden, starke Mitspracherechte für die Studenten in allen Gremien durchgesetzt, und neue Inhalte und Ziele wurden formuliert. Ab meinem zweiten Semester saß ich als Studentenvertreter in der Abteilungsleitung und wenig später gemeinsam mit einem Dozenten (Prof. Heinz Schlage) als Vertreter unserer Hochschule, hatten wir den Vorsitz der SKS inne. Die SKS war die ständige Konferenz der deutschsprachigen Schauspielschulen, die damals den Anspruch hatte, die Schauspielkunst, die gesellschaftliche Funktionen des Theaters, Kulturpolitik und gesellschaftliche Fragen überhaupt in einen ganzheitlichen Gesprächs- und Erfahrungszusammenhang zu bringen. Sätze wie „Wer nur was von Theater versteht, versteht auch davon nichts!“ haben mich damals geprägt.

Und so fand denn auch in unserer Abteilung bald unter der Leitung von Heinz Schlage ein semester- und jahrgangsübergreifendes Forschungsprojekt statt, an dem ich teilnehmen durfte. Dabei ging es unter anderem um die Frage, mit welchen künstlerischen Mitteln man über die Identifizierung eines Schauspielers mit einer Rolle hinaus, es einer Gruppe von Spieler ermöglichen könnte, tiefer und komplexer sich mit einem gesellschaftlichen Thema verbinden und es ganzheitlicher erkunden zu  können. Es ging also nicht mehr darum, wie Schauspieler X am besten die Rolle des Danton oder des Robespierre in Büchners „Dantons Tod“ anlegen solle, sondern wie sich am besten das ganze Ensemble als Gruppe dem darunter liegenden kollektiven Thema (hier der französischen Revolution) forschen annähern konnte.

Unter „ganzheitlich“ verstanden wir damals – und verstehe ich heute noch! Aber damals war es eben neu! – einen umfassenden Zugang, der neben rollenpsychologischen Momenten und entsprechender (historischer, soziokultureller, politischer u.a) Theorie, vor allem auch einen emotionalen Zugang und möglichst sinnliche Erfahrung zum Thema zusammen trug.

Dabei erfuhren sich die Spieler zunehmend weniger als Gestalter von Rollen und immer mehr als Funktionsträger auch in überpersönlichen Zusammenhängen. Rollenpsychologie, Stanislawski, aber auch Freund und analytische Psychologie überhaupt traten dabei immer mehr in den Hintergrund. Die parallel zu uns sich entwickelnde humanistische Psychologie mit ihren ganzheitlichen Ansätzen, die das Gefühl, das hier und jetzt, den Kontakt und die sinnliche Erfahrung focussierten (z.B. Gestalttherapie und Bioenergetik), haben uns wesentlich mehr beeinflusst. Auch Dynamiken, wie wir sie heute aus der Aufstellungsarbeit (oder systhemischen Arbeit) kennen, prägten unserer Experimente, obwohl es damals noch keine Familienaufstellungen gab und wir auf keine Theorie und Terminologie aus dieser Richtung zurückgreifen konnten.

Unsere Dozenten Heinz Schlage und Jean Soubeyrand brachten Interaktionstraining, Mime und Pantomime, außereuropäische Körpertheaterelemente und vieles mehr in die Arbeit ein. Irgendwann hatte das Kind einen Namen. Wir nannten es „Rituelles Spiel“, weil es die Disziplin, Präzision und Gebundenheit ritueller Dynamik verband  mit der Freiheit, die die Quintessenz des Spiels ist. Das Rituelle Spiel wurde zu einer Balancearbeit in der Polarität von Ordnung und Chaos (in der modernen Theatertherapie haben wir das dann später benannt als „Navigieren beim Driften“).

Doch damals taten wir diese Dinge einfach, erfuhren und „protokollierten“ sie eher körperlich und zellulär und interpretierten unsere Erfahrungen sehr persönlich oder eben künstlerisch-intuitiv und poetisch. Wir fassten sie nicht in wissenschaftliche Sprache, was heute sich als Manko darstellt, und die Akzeptanz des Rituellen Spiel in bestimmten gesellschaftlichen Feldern erschwert. Wir hatten überhaupt keine Theorie, zu dem, was wir da taten. Für die meisten von uns war es einfach ein ganz brilliantes theaterkünstlerisches Handwerk. Obwohl ich nach Heinz Schlage zusammen mit Peter Henze zu den ersten gehörte, die Rituelles Spiel (anfänglich mit Schauspielern, sehr bald aber auch schon mit Theater-Amateuren) als Methode unterrichteten, habe ich mich über 15 Jahre lang geweigert, theoretische Aussagen zum Rituellen Spiel zu machen, vor Leuten, die es noch nicht praktisch erfahren hatten, weil man damit entweder Angst oder Heilserwartungen schürte und beides zum gründlichen Kennenlernen eher hinderlich war.

Was wir damals schon sagen konnten, war, daß wir mit dieser speziellen Form des konzentrativen Körpertheaters einen Schlüssel besaßen, der uns Zugang zum kollektiven Unterbewußtsein verschaffte. Der Leiter einer tiefenpsychologische Schule in der Schweiz, der ich das Rituelle Spiel in einem einwöchigen Seminar vorstellen dufte, kam zu der Aussage, hierbei handele es sich endlich mal um „echte Gruppentherapie“, während vieles andere sich so benennende in Wirklichkeit eher „Psychotherapie in der Gruppe“ sei. Damals begann ich, über die soziotherapeutischen Funktionen des Theaters und besonders des Rituellen Spiels tiefer als vorher nachzudenken.

Es waren allerdings erst die Tiefenpsychologie C.G.Jungs und die praktische und theoretische Einführung in indianisch-schamanische Traditionen, die mir ein begriffliches Repertoire erschlossen, mit dem ich später theoretische Aussagen über das Rituelle Spiel zu machen begann. Doch das ist schon das Thema der nächsten Folge, „Der Blick über den Tellerrand“.

Gandalf , im Februar 2016

 

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