Aus einem Brief…

Wer wir sind:

Vor nunmehr über 25 Jahren hat Gandalf Lipinski die Amateurtheatergruppe Ensemble 90 in Hannover gegründet. Zunächst fand ich es als Spieler irritierend, wenn „der Chef sich Gandalf“ nennt. Heute, gute 10 Jahre später, verstehe ich ihn. Ensemble 90 versteht sich als Liebhaberprojekt für Menschen mit Freude am Spiel, die für sich den Anspruch haben tiefer zu gehen als im „Laientheater“ und die bereit sind, sich als Person einzubringen. Kernthema der Gruppe waren bislang die Artus-Sage sowie mehrere Shakespeare-Projekte.

Seit gut zwei Jahren leiten meine Frau (gelernte Schauspielerin und Sängerin) und ich (seit Jahren in Training und Leitung im Körpertheater) eine Gruppe in Köln. Wie haben uns mit dem „Kalten Herz“ von Hauff beschäftigt und hierzu im November eine Werkschau auf die Beine gestellt.

Aktuell arbeiten wir mit Ensemble 90 an den „Drachenliedern“ zu unserem Bühnenjubiläum und werden im April bis Juni aufführen. Was uns von der klassischen Theaterarbeit unterscheidet ist, dass wir uns dem jeweiligen Thema auf zwei Weisen nähern.

Freie Improvisation

Die Wurzel unserer Arbeit ist die „freie Impro“. Das Körpertheater/ Rituelle Spiel besteht zunächst aus einer Reihe von Übungen zu Wahrnehmung, Stimme, Raum und der Durchlässigkeit für die Impulse Anderer. Diese „Basisarbeit“ mündet mit einer Vorbereitung zum Thema in freier Improvisation. Diese (nicht zu verwechseln mit Zuruf- oder Improtheater) bietet die Chance, sich mit einem Thema nicht ausschließlich auf der „intellektuellen Ebene“ zu beschäftigen. Damit ich hier nicht zu lange aushole, schau gerne auf unserer Homepage www.koerpertheater.de den Film „Was ist die Improvisation“ an. Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass man sich einem Stoff tiefer annähern kann, als wenn man lediglich „Texte lernt“. Auf die Artus-Sage bezogen lässt es sich so umschreiben, dass man spielerisch erfahren konnte, was es wirklich bedeutet, ein König zu sein. Man konnte erfahren, wie sich Avalon anfühlt und was es heißt, wenn mit Camelot das „Königreich des Sommers“ fällt. Und: Man muss keine Ahnung von dem jeweiligen Thema haben und kann doch eine Menge mitnehmen.

Das Stück – die Theaterarbeit

In der Regel haben wir uns ein gutes Jahr mit den Improvisationen beschäftigt. Der entstandene Fundus aus Wissen, gelernten Liedern, persönlichem Begreifen und improvisierten Szenen wird dann gemeinsam mit Elementendes klassischen Theaters in eine „Form gegossen“. Was entsteht ist ein Stück mit Gesang, Spiel, Improvisation, klassischem Spiel und stets auch dem Anspruch, einen Anker des Themas in das Heute zu werfen.

2. Wieso der Herr der Ringe?

Unsere Arbeit, insbesondere die beschriebene Improvisation greift am Besten, wenn man sich einem Stoff mit Inhalt, Aussage und archetypischen Charakteren widmet – einem großen Mythos bzw. einer Sage. Denn diese Stoffe – so unterstelle ich – sind voller tiefer Wahrheit.

Gandalf, wie seinem Namen unschwer zu entnehmen ist, trägt seit Jahrzehnten den Herrn der Ringe in sich. Ich für meinen Teil habe seit meiner Jugend mehrfach den Herrn der Ringe und den Hobbit verschlungen. Das Silmarillion war mir zugegeben bislang nach den ersten Seiten zu schwer.

Ich wage hier die Behauptung, dass der Herr der Ringe auf dem Besten weg ist, ein „moderner Mythos“ zu werden. Auch wenn meines Wissens Tolkien sagte, dass er den Herrn der Ringe nicht auf Krieg und Industrialisierung verstanden wissen will, so bin ich geneigt, ihm an dieser Stelle zu widersprechen. Was uns interessiert ist nicht, ein Abbild des Buches oder des Films (wie viele erwarten mögen) zu schaffen. Wir wollen uns den Strängen und Figuren widmen, die „zu kurz kommen“ und deren Aussagen tiefer liegen.

Am Beispiel:

Wer ist Tom Bombadil wirklich und was bedeutet es, älter als die Ents, mächtiger als Sauron zu sein und nichts damit „anzufangen“. Wo sind die Entfrauen (eine Superfrage für die Improvisation)?

Uns interessiert auch der Bezug auf das Heute. Der Begriff Wildnis existiert in Deutschland und fast allen Teilen Europas nicht mehr. Es gibt keine Ort mehr, der Wildnis ist. Was ist Wildnis? Haben die Elben nur Mittelerde, oder auch die Erde verlassen?

Rein praktisch wollen wir für unser zweites Kölner Projekt eine Gruppe auf die Beine stellen, die sich mit dem Thema wie beschrieben beschäftigen möchte. Perspektivisch wollen wir etwas auf die Bühne, an die Öffentlichkeit bringen, was sich mit den genannten Fragen beschäftigt.

Dies kann ein großes Projekt mit den Spielern aus Ensemble 90 (wo Daniela und ich noch teilnehmen) und der Gruppe aus Köln oder ein kleines Projekt oder zwei kleine Projekte werden. Aber, da sind wir noch nicht. Und Beppo Straßenkehrer sagte, dass man immer nur an den nächsten Besenstrich denken soll…

Dies als Abriss, bei Interesse gerne mehr.

Herzlich

Roland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.