Und: die theaterwerkstatt hannover.

Die theaterwerkstatt hannover gehörte zu den ersten „Freien Theatern“ in der Bundesrepublik. Vor uns gab es das „Grips“ und die „Rote Grütze“ in Westberlin, das „Hoffmans Comic Theater“ in NRW und kurz vor uns gab es bereits das „Rambaff“ in Hannover.
„Frei“ bedeutete in erster Linie: frei von Subventionen! Alle hatten als private Initiativen, eigenem Geld und extremer Selbstausbeutung begonnen. Später gab es dann bescheidene Subventionen, im Gegensatz zu Stadt- und Staatstheatern aber nie kostendeckend.

Wir taten es dennoch, weil „frei“ für uns noch eine andere Bedeutung hatte. Wir waren frei in der künstlerischen Gestaltung, im Spielplan, in unseren politischen Aussagen und bezogen auf unsere interne Selbstverwaltung. An keinem der öffentlichen Theater hätten wir uns damals jene ausgedehnten „Vorproben“ zur thematischen Exploration und Vertiefung mit dem Rituellen Spiel leisten können wie in unserem eigenen Betrieb. „Kein schöner Land“ hieß die erste Eigenproduktion im Rahmen der theaterwerkstatt. Unser Thema war der Ausbau von Polizei- und der Abbau von Bürgerrechten unter dem Vorwand der RAF-Bekämpfung, der die beginnende Liberalisierung der Ära Brandt beendete und schon beinahe zerbröckelnden Obrigkeitsstrukturen nachhaltig restaurierte. Eine dramatische Vorlage gab es nicht.

Aber Vorbilder hatten wir! Das waren Peter Brook und die Royal Shakespeare Company sowie der Moskauer Regisseur Ljubimow und das Theater an der Tanganke unter den eher großen und bürgerlichen Bühnen, das war die amerikanische Off Off Broadway Bewegung mit Gruppen wie Living Theater, La Mama Theater, Bread and Puppet Theater u.a. und nicht zuletzt das polnische Theaterlaboratorium unter Jerzy Grotowski. An dessen intensiven und zeitaufwendigen Vorbereitungen und vertieften Erfahrungsräumen für die Schauspieler richteten wir unsere eigenen Ansprüche aus. Mein Kollege und Leiter der theaterwerkstatt Peter Henze  hospitierte eine paar Monate bei Grotowski, der „Stimmlehrer“ des Theaterlabors Zygmunt Molik arbeitete später mit uns in Hannover. Und wir arbeiteten fast ein Jahr an unserer ersten Eigenproduktion.

Wochenlange Improvisationen und Experimente mit dem Rituellen Spiel wurden protokolliert und wir entwickelten viele Übungen und Techniken anders weiter, als wir das noch unter Hochschulbedingungen getan hatten. Unter anderem mussten wir nun unter Produktionsbedingungen doch etwas schneller arbeiten und manchmal mit weniger Spielern als wir das im Freiraum der Hochschule noch konnten. Das führte später bei unseren ersten theaterpädagogischen Gruppen dazu, daß Peter Henze und ich den „kürzestmöglichen“ Kompaktzeitraum, den wir von unserem Lehrer Heinz Schlage übernommen hatten immer wieder dramatisch verkürzen und erfolgreich komprimieren konnten.

Das Stück konnte nach der Premiere noch fast hundert Mal aufgeführt werden und wurde von ca. 10.000 Zuschauern besucht. Und die lange Produktionszeit resultierte nicht nur aus unserem Anspruch an intensive Improvisationsverfahren, sondern auch aus der Einsicht, vorher, schneller und mit weniger Aufwand mit anderen Produktionen Präsenz zu zeigen und Einnahmen zu generieren. Also übernahmen wir als allererste Produktion noch vor „Kein schöner Land“ das Erfolgsstück „Darüber spricht man nicht“ von der Berliner Roten Grütze, ein Sexualaufklärungsstück für Kinder im Grundschulalter, fast drei Stunden lang und mit etlichen Mitspielphasen aufgelockert.
Das Stück wurde zum erfolgreichsten Dauerbrenner der theaterwerkstatt, fast dreihundert Mal gespielt, anfangs direkt in den Schulen, dann durch kultusministerielle Erlasse von dort verbannt. Es bildeten sich kirchlich gesteuerte Pseudo-„Elterninitiativen“, die sich allerorten um das Verbot des Stückes bemühten. Das war die beste Werbung, die wir je hatten! Weil nämlich die Eltern, die das Stück wirklich gesehen hatten, zum überwiegenden Teil begeistert waren und in die Gegenoffensive gingen. So verfolgte z.B. eine große Gruppe von Müttern aufgebracht und über Stunden einen Schulrat, der eine Aufführung in der Schule mit einem Hausverbot verhindert hatte.

In der Folge kamen nun also die Lehrer mit ihren Klassen zu uns ins Theater. Das erleichterte den Aufwand für uns  und machte die Inszenierung noch konzentrierter und besser. Zum Jubiläum eines katholischen Bischofs, der wesentlich zur Hetzkampagne gegen das Stück beigetragen hatte, konnten wir nicht anders als uns recht herzlich für die großartige Pressekampagne zu bedanken, die wir allein niemals zuwege gebracht hätten. Da die Erlasse gegen das Stück in jedem Bundesland etwas anders formuliert waren und in einem nur uns und in einem anderen nur das Original der „Roten Grütze“ verboten hatten, teilten wir die Republik gemeinsam mit der Grütze in verschiedenen „Reviere“ auf, wir spielten dort, wo die Grütze nicht durfte, und umgekehrt. Jahre später bedankte sich die Grütze bei uns, indem sie unsere Version als die beste aller Nachinszenierungen prämierte.

Später übernahm die theaterwerkstatt auch das Nachfolgestück der Grütze „Was heißt hier Liebe?“ für Jugendliche und spielte auch dieses über zweihundert Mal mit großem Erfolg. Weitere Kinderstücke und schnelle Kurzproduktionen zu aktuellen politischen Anlässen rundeten das Programm der theaterwerkstatt in dieser ersten Phase ab, als wir unsere zweite große Eigenproduktion wagten: „Trauma Babylon“ Auch diesmal arbeiteten wir ca neuen Monate daran und wieder mit den Techniken des Rituellen Spiels. Ob auch diesmal wieder jene rund 10.000 Zuschauer gekommen wären, die mittlerweile bis dahin zum Stammpublikum der theaterwerkstatt in den ersten zehn Jahren zählten, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, da eine Serie von Erkrankungen, Unfällen und anderen Ereignissen die Spielzeit der zweiten Eigenproduktion vorzeitig beendete.

Auch größere Geschehen, über die später im Rahmen dieser Reihe zu berichteten sein wird, führten zu einem Wandel. Mein persönlicher Weg trennte sich nun von der theaterwerkstatt und wendete sich mehr der Theaterpädagogik zu. Dazu mehr in der nächsten Folge! Peter Henze führte die theaterwerkstatt noch einige Jahre weiter, als Gastschauspieler durfte ich noch mal eine eindrucksvolle Russland-Tournee erleben. Dann wurde die theaterwerkstatt in andere Hände übergeben. Und mittlerweile wird sie in „dritter Generation“ von einem neuen Team geführt. Noch in diesem Jahr wird das Theater seinen 40. Geburtstag feiern!

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