Teil 1 – Die globalen Ereignisse

Das gesellschaftliche Umfeld und die Zeit, in der das Rituelle Spiel in den frühen siebzigern entstand, haben den ganzen Ansatz natürlich stark mit geprägt. Wir lebten als damals zwischen 20 und 30 jährige Schauspielstudenten in einer Welt, in der zwar schreckliche Dinge wie der Vietnamkrieg und der Militärputsch in Chile geschahen, aber auch in einer verheißungsvollen Zeit, die uns mit dem Grundgefühl von Zuversicht erfüllte. Wenn wir nur wirklich wollten und dran blieben, dann könnten wir alles erreichen! Die Welt stand uns offen und wir hatten gute Chancen, sie nachhaltig zum besseren zu wenden!

Wir waren Kinder der 68er, die ersten, die nach der Studentenrevolte nun weniger spektakulär als diese, dafür alle Lebensbereiche umfassend und sehr gründlich daran gingen, die gesamte Gesellschaft der Bundesrepublik umzukrempeln und die alten Zöpfe aus Kaiserreich, Nationalsozialismus, bürgerlich-konservativem Mief, Moralvorstellungen und kaltem Krieg abzuschaffen. Das ging von der globalpolitischen Ebene bis in die feinsten Äste alltäglicher Kultur. Die Musik, die wir hörten (z.B. Beatles oder Rolling Stones) und unsere Neigung, sich die Haare wachsen zu lassen und uns eigenwilliger zu kleiden, erregte und verunsicherte unsere Elterngeneration oft stärker als die Teilnahme an Demonstrationen und politisch Abweichende Meinungen.

Dabei waren es schon existentielle Erschütterungen, die aus der ganzen Welt in unsere Zeit als Schauspielstudenten hineinwirkten. Durch den Vietnamkrieg war der Glaube an die moralische Überlegenheit der USA und des Westens grundlegend erschüttert worden. Als dann mit amerikanischer Hilfe das chilenische Militär gegen die demokratisch gewählte Allende-Regierung putschte, war kein normaler Unterricht an der Hochschule mehr möglich. Wir gingen auf die Straße, und zwar mit unseren Dozenten! Damals war ein kollektives Geschichtsbewußtsein noch viel breiter verankert. Und angesichts der Parallelen zur Niederschlagung der deutschen Räterepubliken durch die Truppen der Weimarer Republik, skandierten unsere in die Reihen mit eingehakten Professoren angesichts der Polizeiketten vor dem Amerikahaus mit uns gemeinsam: „SPD Gewehre schützen Millionäre!“

„Geht doch nach drüben!“ wurde uns dann oft entgegengehalten. Und mit „drüben“ war die DDR gemeint. Aber mit der sowjetischen Variante des Staatssozialismus, auch in der DDR und anderen Ländern des Warschauer Paktes, hatten wir nichts am Hut. Wir hatten, ganz im Gegenteil, den „Prager Frühling“ begeistert begrüßt, und die Hoffnung auf einen wirklich demokratischen Sozialismus erfüllte uns. Ganz ähnlich wie etwas später umgekehrt die „Nelkenrevolution“ in Portugal die Hoffnung auf einen Wandel zum besseren in der westlichen Hemisphäre befeuerte. Beide Ereignisse luden ein, den Demokratiebegriff genauer anzuschauen. Selbstbestimmung, Souveränität der Völker, Basisdemokratie und Räterepubliken waren die Ideale, die USA und die UdSSR gleichermaßen ihre Feinde.

So gerieten russische, portugiesische, tschechische und andere osteuropäische Theaterschulen und -traditionen, die es gewohnt waren, gegen Zensur und Zwang zur Anpassung zu arbeiten, zunehmend in unser Interesse.  Lange vor der Perestroika, noch in der Breschnew-Ära, reisten wir mit der Schauspielabteilung nach Moskau und Leningrad und gewannen dank der guten Kontakte, die Heinz Schlage zu russischen Schauspiellehrern aufgebaut hatte, denen er einst bei Stalingrad als Feind gegenüber gestanden hatte, tiefe und intime Einblicke in russische Theater und Schauspielschulen. Sowohl das hochentwickelte handwerkliche Niveau der russischen Kollegen, wie auch die künstlerisch-kreative Genialität einiger Theater im Umgang mit der allgegenwärtigen Zensur beeindruckte uns nachhaltig. Wir studierten sowohl die Theaterexperimente der frühen Sowjetunion in der Zeit der Revolution, als auch die (offiziellen und geheimen) gesellschaftlichen Funktionen der Theaterkunst unter eher repressiven Bedingungen.
Und selbstverständlich floß all dies in unsere eigene Arbeit mit dem Rituellen Spiel und unser Selbstverständnis dazu ein.

Das Theater war in der Sowjetunion unter offiziell atheistischer Flagge und politisch eher wenig hoffnungsvollen Rahmenbedingungen zum inoffiziellen Ort der Hoffnung geworden. Es genoss eine fast quasireligiöse Verehrung. Und die Menschen kamen hier nicht nur zusammen, um bestimmte Stücke zu sehen, sondern auch, um menschliche Wärme und Gemeinschaft zu erleben. Die Qualität färbte auf einige von uns ab, die später ein eigenes Theater gründeten, die „theaterwerkstatt hannover“, welches in seiner ersten Phase (geprägt von einem so breiten Themenspektrum von Sexualaufklärung bis zur Antiatombewegung) auch tatsächlich ähnliche gesellschaftliche Funktionen und Bedürfnisse erfüllte.

Es folgt bald: Der Blick über den Tellerrand      Teil 2  –  Theater, Kultur und Alltag

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