Teil 2 – Theater, Kultur und Alltag

Theaterarbeit, politisches Engagement, Arbeit an sich selbst, an der Beziehung zwischen Frauen und Männern (persönlich wie auch gesellschaftlich und kollektiv), Selbstbestimmung und der Anspruch, Entscheidungen im Kollektiv zu fällen, das alles war im Entstehungskontext des Rituellen Spiels eng beieinander. Die Gesellschaft war noch nicht in so viele verschiedene Milieus und Szenen fragmentiert, die wenig bis nichts voneinander wissen und wollen. Im Gegenteil, nur wer mindestens im eben geschilderten Bereich rundum halbwegs kompetent war, konnte ernst genommen werden beim Aufbau einer ganzheitlichen Kultur. Um nichts geringeres ging es in den siebziger Jahren.

Die Studentenrevolte, die Speerspitze der 68er, hatte (zum Teil wenigstens) tatsächlich die politische Revolution auf die Tagesordnung gesetzt. Bekanntermaßen hat aber die „Arbeiterklasse“ (die damals als mehr oder weniger homogene und selbstbewußte politische Größe durchaus noch erkennbarer und abgrenzbarer existierte als heute) sich dem (zumindestens in Deutschland) nicht angeschlossen. Als dann auch noch die „Frauenfrage“ die tonangebenden Zirkel der studentischen Linken vollends pulverisierte, zerfiel die Bewegung im wesentlichen in vier grob voneinander zu unterscheidende Strömungen. Ein Teil versuchte, das studentische Image weitgehend loszuwerden und baute eine Vielzahl „proletarischer Avantgarden“ in Form von kommunistischen Zirkeln und Parteien auf. Ein anderer Teil trat den „Marsch durch die Institutionen“ an, in der Hoffnung, die eigenen Ideen und Ideale irgendwann in fernerer Zukunft in den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen verwirklichen zu können, ohne bis dahin der eigenen ganzheitlichen Identität verlustig zu werden. Und ein ganz kleiner Teil ließ sich anfangs von der eigenen theoretischen Radikalität und später zunehmend getrieben auch vom Kalkül staatlicher Repressionsstrategien zum bewaffneten Kampf verführen. Es wäre müßig und würde den Rahmen dieser Texte sprengen, hier nun das für und wieder, die Erfolge oder Misserfolge dieser drei Strömungen zu diskutieren. Ich persönlich neigte damals eher der vierten Richtung zu: dem Aufbruch der Alternativen im Versuch, das richtige Leben im Falschen zu wagen. Anders ausgedrückt: die Keime einer neuen Kultur im Rahmen einer umfassenden Graswurzelbewegung bereits innerhalb der real existierenden kapitalistischen Gesellschaft zu sähen und zu pflegen.

Auch die Chancen, Erfolge und Misserfolge dieser vierten Strömung gründlich zu diskutieren, würden diesen Rahmen hier sprengen. Hier sei nur gesagt, daß wir, die wir uns mit dem Rituellen Spiel beschäftigt hatten, uns eher als Teil dieser vierten Strömung empfanden, da uns weniger an einer stringenten Theorie als am Ausprobieren unserer eigenen Möglichkeiten lag. Das Rituelle Spiel den politischen Avantgarden als ganzheitliches Erkenntnisinstrument anzutragen, war ein kurzes Planspiel, blieb aber bloße Theorie. Das Theater als gesellschaftliche Institution an sich im langen Marsch zu unterwandern, hatte irgendwie auch nicht genügend Sex Apeal. Also gründeten wir unser eigenes Theater.

Wir kamen aus Arbeiterfamilien oder kleinbürgerlichen Verhältnissen. Niemand hatte eine „Unternehmeridentität“ oder entsprechende Vorerfahrungen. Wir hatten unsere künstlerische Identität. Der Erfolg unserer kollektiven Diplomarbeit und Abschlußproduktion „Möglichkeit in Studio D“ manifestierte diese. Wir wollten uns nicht einzeln an diversen Theatern verheizen lassen sondern zusammenbleiben und -wirken. Also legten wir der Stadt Hannover das Konzept für ein neues „Statt-Theater“ vor und fanden Zuspruch beim Kulturdezernenten. „Gute Ideen, setzen Sie die mal um, am Geld soll es nicht scheitern!“ Dann waren plötzlich der Kulturdezernent weg vom Fenster und die Kassen der Stadt Hannover leer. Wir fanden, daß unser Konzept zu schade für den Papierkorb sei, und gründeten die „theaterwerkstatt hannover GmbH“ – ohne jede Finanzierungszusage und auf privater Basis.

Da wir kein Haus hatten, gründeten wir zusammen mit anderen Gruppen die Bürgerinitiative Raschplatz, mit der Absicht, ein zum Abriss anstehendes Behelfskaufhaus der Bredero-Gruppe zu übernehmen und als selbstverwaltetes Bürgerzentrum zu nutzen. Als die Stadt sich entschied, wegen der Unterhaltungskosten das Haus von der Bredero Gruppe nicht mal als Geschenk anzunehmen, besetzten wir es gemeinsam mit der Bürgerinitiative. Heute ist die BI-Raschplatz ein anerkannter Träger politischer und Kultureller Bildung, beherbergt unter anderem auch städtische Institutionen wie die Bücherei und eben- bis heute: die „theaterwerkstatt hannover“!

Das Haus hinter dem Bahnhof wurde zum soziokulturellen Stützpunkt verschiedenster Bewegungen. Eins der ersten größeren Ereignisse war ein Konzert der östereichischen Gruppe „Schmetterlinge“ mit der „Proletenpassion“. Die theaterwerkstatt und die Bürgerinitiative waren auch gemeinsam „Gastgeber“ beim Vorbeizug der großen Gorleben-Demonstartion, wovon heute noch ein großer gelb bemalten Naturstein am Raschplatz zeugt. Wir arbeiteten mit beim Russel-Tribunal zur Situation der Menschenrechte in der BRD, gründeten die Theatergastspielreihe „Wintertheater“ und waren engagiert an der Gründung der „Grünen alternativen Bürgerliste (GABL)“ beteiligt, lange bevor diese sich als Kreisverband den heutigen Grünen eingliederte.

Wir waren gleichzeitig Autoren, Regisseure, Schauspieler, Geschäftsführer und Bühnenarbeiter. Wir machten uns schlau in Politik, Geschichte, Ökologie und humanistischer Psychologie. Wir erkannten, daß wir mit unserer Profession immer wieder die Bereiche Gemeinschaft, Ritual und Spiritualität berührten, ohne dabei den Kern, die Theaterkunst aus dem Auge zu verlieren. Wir zahlten uns zwischen 500,- und 800,- DM monatlich aus und hatten oft und über lange Zeiten eine 60-70 Stunden-Woche.
Und, ach ja,…einmal… hatte sich der portugiesische Autor Avila, der unsere Inszenierung eines seiner Stücke besuchen wollte, am frühen morgen vor einer Schulvorstellung in unserer Garderobe verirrt. Genervt und gestresst habe ich ihn am Kragen gepackt und wollte ihn gerade hinausbugsieren, als er sich zu erkennen gab. Ich schob ihn wortlos zu den Kaffee trinkenden Kollegen ins Büro, stammelte unverständliches und begab mich zur Einrichtung der Vorstellung auf die Bühne.

Gandalf Lipinski

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